6G ist nicht nur schnelleres Internet — es ist ein Radarnetzwerk

Toni Treichel  ·  2026-03-02  ·  3 Min.
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Wenn über 6G gesprochen wird, geht es um Geschwindigkeit. Weniger Beachtung bekommt, dass 6G-Netzwerke so konzipiert werden, dass sie etwas tun, was kein bisheriges Mobilfunknetz konnte: die physische Welt um sie herum wahrnehmen.

Die Technologie heißt ISAC — Integrated Sensing and Communications. Statt nur Daten zu übertragen, nutzen 6G-Basisstationen reflektierte Funksignale, um Objekte zu erkennen, Abstände zu messen, Bewegungen zu verfolgen und Umgebungen in Echtzeit zu kartieren. Das Netzwerk wird damit faktisch zu einem stadtweiten Radarsystem.

ETSI, die europäische Normierungsbehörde, die 6G mitgestaltet, hat einen Bericht veröffentlicht, der 19 Sicherheits- und Datenschutzlücken in ISAC-Systemen identifiziert — 15 davon betreffen den Datenschutz. Die Ergebnisse sind lesenswert, nicht weil sie 6G aufhalten, sondern weil sie die Risiken definieren, die in eine Infrastruktur eingebaut werden, auf die Milliarden Menschen angewiesen sein werden.

Das Gravierendste: 6G-Sensing erfordert weder Zustimmung noch ein Gerät. Funkwellen durchdringen Wände. Jemand in der eigenen Wohnung — ohne Telefon, ohne Konto, ohne Verbindung zum Netzwerk — kann trotzdem erkannt, verfolgt und profiliert werden. ETSI nennt das das Problem der „uninvolved parties": Menschen, die nie zugestimmt haben, erfasst zu werden, weil es keinen Mechanismus zur Zustimmung gab.

Der Bericht nennt auch KI als Risikovervielfacher. Fortgeschrittene Modelle können „hochsensible Informationen aus Sensordaten extrahieren", weit über das explizit Gemessene hinaus — Verhaltensmuster, Belegung, Gesundheitsindikatoren lassen sich ableiten. Die Sensordaten selbst werden zu einem sekundären Überwachungskanal, selbst wenn das Netzwerk ansonsten wie vorgesehen funktioniert.

Zur Angriffsfläche: Kriminelle könnten 6G-Signale nutzen, um Gebäude zu kartieren oder Personen zu verfolgen — ohne jeglichen Netzwerkzugang. Das Signal selbst ist die Schwachstelle, und es breitet sich durch den physischen Raum aus, ob jemand das will oder nicht.

ETSIs Empfehlung lautet Security by Design — Datenschutz während der Normierung einbauen, statt ihn nachträglich anzufügen. Ob das gelingt, hängt von politischem Willen in einem Zeitfenster ab, das sich gerade schließt. Die heute geschriebenen Standards sind die Infrastruktur der 2030er Jahre.

Quelle: Heise — 6G becomes radar: ETSI warns of risks from environmental sensing  ·  ETSI Bericht GR ISC-004

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